Umbenennung der Robert-Rössle-Straße

Die BVV Pankow hat im Januar 2022 die Umbenennung der Robert-Rössle-Straße in Berlin Buch beschlossen. Die Straße soll auf einen Antrag der Grünen nach einer Frau benannt werden, die wichtig für die Medizingeschichte ist, wie die Hirnforscherin Cécile Vogt (1875–1962 ), die Opfer des Nationalsozialismus wurde.

Vor drei Jahren hatten die Grünen einen Antrag gestellt, um zu untersuchen, ob der Pathologe Robert Rössle (1879 – 1956) als “aktiver Gegner der Demokratie und geistig-politischer Wegbereiter und Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft” zu sehen sei.

Jetzt verkündete Hannah Wetting – Fraktionsvorsitzende der Grünen – dass:

“Robert Rössle (…) an oberster Stelle im nationalsozialistischen System mitgewirkt und davon profitiert (hat). Seine wissenschaftliche Forschung wäre ohne die eliminatorische Verfolgungspolitik nicht möglich gewesen. Es ist absurd über so jemanden zu sagen, er habe nichts gewusst.”

Robert Rössle sei somit nicht erinnerungswürdig. Auch die Linksfraktion unterstützt eine Umbenennung. Trotz alledem konnte sich die BVV Pankow nicht einig werden und hat die Frage an den Kulturausschuss weitergeleitet. Aber was spricht eigentlich für Robert Rössle?

Wieso sollten wir Rössle gedenken?

Die Forscher:innen Stephanie Kaiser, Ute Linz und Dominik Groß schreiben in einem im Mai 2022 veröffentlichten Artikel “Nazi, collaborator or opponent? The role of the pathologist Robert Rössle in the Third Reich“, dass Rössle für manche als einer der wichtigsten Pathologen der ersten Hälfte des 20. Jhs. gilt. Er konnte seine Arbeit nach 1945 nahtlos fortsetzen, da er nicht Mitglied der NSDAP war. In dem genannten Artikel wird geschildert, wie Rössle vom nationalsozialistischen Parteiapparat profitiert und mit seiner Forschung die faschistische Ideologie verbreitet hat, aber auch wie die Rezeption nach 1945 unser Bild von Rössle prägt. Die Forscher:innen stellen die Fragen, ob Rössle tatsächlich wichtige Beiträge zur medizinischen Forschung geleistet hat und wieso wir Rössle überhaupt gedenken sollten?

Das heutige Bild von Robert Rössle wurde stark durch seine positive Rezeption der Nachkriegszeit geprägt. Sein Schüler Herwig Hamperl schrieb bspw. 1972 die Biografie “Werdegang und Lebensweg eines Pathologen” und durch Korrespondenz mit Rössle das Buch “Robert Rössle in seinen letzten Lebensjahren”. Hamperl war allerdings selbst Mitglied der NSDAP und der SA. Die Forscherin Ute Linz, die wir zum Interview treffen konnten, zieht aus ihren Studien aber ein anderes Bild von Rössle.

Wer war nochmal Robert Rössle?

Der 1879 geborene Robert Rössle studierte in München, Kiel und Straßburg Medizin. Nach der Habilitation arbeitete er in Jena und Basel, bis er 1929 an den Lehrstuhl für Pathologie der Charité Berlin berufen wurde, den er bis 1948 leitete.

Rössle war seit ca. 1911 ein Verfechter der Eugenik, die im Nationalsozialismus als Rechtfertigung des Mordes an Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen diente. Im Nationalsozialismus blieb er Institutsleiter an der Charité und betrieb Forschung im Sinne des Nationalsozialismus. 1936 forschte er an den Hoden von inhaftierten Homosexuellen, wobei er trotz fehlender Beweise für eine Kastration homosexueller Männer argumentierte.

Rössle erhielt nach Recherchen von Biochemikerin Ute Linz auch Gehirne von Julius Hallervorden (1882–1968). Der stellvertretende Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung (KWI) untersuchte rund 700 Gehirne von Kindern und Jugendlichen aus Brandenburg, die bei der “Aktion T4” ermordet wurden. 1944 wurde Rössle in den Wissenschaftlichen Beirat des “Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen” von Dr. Karl Brandt berufen. Die “Aktion Brandt” umfasste den Mord an Menschen mit Behinderung aus Heil- und Pflegeanstalten, um freie Krankenhausbetten für Kriegsopfer zu schaffen.

Gedenken nach dem Krieg

Da Rössle allerdings kein NSDAP-Mitglied gewesen war, lehrte er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin an der Humboldt-Universität zu Berlin, forschte und erhielt Auszeichnungen wie den Nationalpreis der DDR und mehrere Ehrendoktorwürden. Er war Ehrenmitglied von elf wissenschaftlichen Gesellschaften und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. 1952 erhielt er das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Robert Rössle starb 1956 in Berlin.

Drei Jahre nach seinem Tod wurde das 1959 gegründete Akademieinstitut für Medizin und Biologie der DDR – ein ehemaliges Kaiser-Wilhelm-Institut – in Robert-Rössle-Klinik umbenannt. Als zwischen 1947 und 1991 am Campus Berlin-Buch eine Reihe von Gedenkbüsten aufgestellt wurden, um an Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen zu erinnern, die am Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren, wurde eine von Gerhard Thieme geschaffene Porträtbüste Rössles aufgestellt und 1974 die Straße zum Campus nach ihm benannt. Eingereicht hatte den Vorschlag sein Schüler Hans Gummel (1908–1973), der selbst ehemaliger HJ-Arzt und NSDAP-Mitglied war. Laut Ute Linz gibt es keine Quellen, die belegen, dass Rössle tatsächlich beim Wiederaufbau des Campus in Buch mitgewirkt hat. Er war zwar am Wiederaufbau der Charité beteiligt, aber nach Kriegsende schon über 70 Jahre alt und habe sich laut Ute Linz nicht speziell am Aufbau des Bucher Campus beteiligt. Auf die Frage, ob er medizinisch etwas geleistet habe, was ihn gedenkwürdig mache, antwortete sie mit nein. Die Frage, wieso Rössle überhaupt gedacht werden sollte, bleibt also.

Zwar heißt die Klinik  seit 2001 nicht mehr nach Rössle, da sie vom privaten Helios-Konzern gekauft wurde, es finden sich allerdings noch einige Beschilderungen oder Online-Einträge bei Google, die den alten Namen tragen.

“Eigentlich wird alles seit Jahren nur vertagt”

Es zeigt sich, dass die Forschung und das Engagement von Ute Linz ausschlaggebend im Umbenennungprozess der Straße war. Nach ihren Angaben war ihr Interesse zu Rössle ein Zufall:

“Ich bekam Post vom Max-Delbrück-Zentrum und da stand diese Robert-Rössle Straße drauf. Der Name sagte mir gar nichts, aber – das ist so eine Angewohnheit von mir – ich habe mich gefragt, wer das war und schaute deswegen nach.”

Schnell war ihr klar, dass Robert Rössle eine problematische Figur war: “Schon in dem Wikipedia-Eintrag stand einiges drin, wo man sich fragt wieso nach so jemandem eine Straße benannt wurde.” Nach einem Jahr Recherche wandte sie sich im November 2015 erstmals brieflich ans Bezirksamt Pankow, das Nachforschungen versprach. Als daraufhin nichts passierte, reichte sie am 4. Februar 2017 eine Petition bei der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein. Die Initiative GeDenkOrt Charité hat 2019 eine Veranstaltung zu Rössle organisiert, zu der Ute Linz als Referentin eingeladen war. Es gab auch kritische Stimmen zur Umbenennung, die hauptsächlich vom Förderverein “Freunde des Max-Delbrücks-Zentrums” kamen.

Allerdings sieht das Berliner Straßengesetz eindeutig vor, dass Personen, die “Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie” waren, nicht erinnerungswürdig sind und Rössles Engagement in der NS-Zeit konnte bereits 2015 nachgewiesen werden. Warum die Straße nicht schon vor Jahren umbenannt wurde, ist also fragwürdig. “Eigentlich wird alles seit Jahren nur vertagt”, so Ute Linz, die nach dem BVV-Beschluss auf eine zügige Umbenennung der Straße hofft.

In Analogie zu “Afro-American’ entwickelte sie im Austausch mit anderen Schwarzen deutschen Frauen die Selbstbenennung “Afrodeutsch”. Somit verhandelte sie das Selbstverständnis dessen, was als Deutsch angenommen oder abgelehnt wurde, neu. Die schwarz weiße “Doppelidentität”’ vermittelte sie durch ihre Gedichte afro-deutsch I und afro-deutsch II, die 1995 in ihrem ersten Gedichtband “blues in schwarz weiss” erschienen. Am 9. August 1996 begang May Ayim mit 36 Jahren nach schweren Depressionen Suizid.

In Kreuzberg stammen viele Straßennamen aus dem kolonialpolitischen Kaiserreich und zeigen die Manifestation von patriarchalen und kolonialen Machtstrukturen im Berliner Stadtbild. Das Ufer nach May Ayim zu benennen zeigt ein Perspektivwechsel: Der Bezug zum Kolonialismus wird nicht einfach getilgt, sondern die Erinnerungsperspektive umgekehrt. Darüber hinaus wird durch die postkoloniale Perspektivumkehr nicht nur der Widerstand gegen den Kolonialismus zum Ausdruck gebracht, sondern auch der Ruf nach Selbstermächtigung gehört. Eine Gedenktafel, unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung, weist vor Ort  auf die Umbenennung und die Geschichte Groebens hin. Das May-Ayim-Ufer zeigt exemplarisch auf, wie der eingeforderte Perspektivwechsel ohne eine Unsichtbarmachung von Geschichte möglich ist.

¨Erst mit der Umbenennung des Groebenufers in das May-Ayim-Ufer 2010 sollte es die Schwarze Community in Deutschland schaffen, sich als selbstbestimmte Teilkultur in die deutsche Nation und deren Geschichte und Gegenwart einzuschreiben.¨

Weiterführende Informationen

Ayim, May: Blues in Schwarz Weiss, Berlin 1995/2005.

Kelly, Natasha A. (2018): Über May Ayim, URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/may-ayim[Stand:02.06.2021].

Nduka-Agwu, Adibeli et al. (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, Frankfurt a. M. 2010.

Oguntoye, Katharina et al. (Hg.): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 1986/1991.

Schultz, Dagmar: Ein Leben, das wir weitertragen werden. May Ayim (1960-1996), in: Brügge, Claudia (Hg.): Frauen in Ver Rückten Lebenswelten, Bern 1999.

Verwobene Geschichten (Hg.): May Ayim, URL: https://www.verwobenegeschichten.de /menschen/may-ayim/[Stand:01.06.2021].