Der Heinrichplatz wird in Rio-Reiser-Platz umbenannt

Nichtsdestotrotz wird keine Frau geehrt!

Seit dem 22. August 2022 heißt der ehemalige Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg, der nach Heinrich von Preußen (1781-1846) benannt wurde, nun Rio-Reiser-Platz. Die Entscheidung zur Umbenennung wurde bereits am 27. November 2019 von einer breiten Mehrheit der zuständigen Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg beschlossen.

Wer war Rio Reiser?

Der Bezirk Kreuzberg widmet die neue Straße nun dem Hausbesetzer und Anarchisten Rio Reiser (1950-1996), der vor allem durch seine Musik deutschlandweit bekannt wurde. Der als Ralph Christian Möbius, geborene Berliner, erlangte seinen Ruhm als Frontsänger von Ton Steine Scherben. Mit ihren Texten und ihrer Musik verkörperten sie sozialkritische Gedanken und Forderungen, weshalb sie auch als „Sprachrohr der linken Szene“ bezeichnet wurden. Der ehemalige Heinrichplatz galt damals als „Revier” der Band rund um Rio Reiser, dessen Jugend sich vor allem im Kiez rund um den „Heini” abspielte.

Auch nach Ton Steine Scherben machte Rio Reiser als Solokünstler weiter und feierte mit „König von Deutschland“ und „Junimond“ zum Teil große Erfolge. Am 20. August 1996 starb Rio Reiser im Alter von 46 Jahren an Kreislaufversagen und inneren Blutungen. Neben seinem musikalischen Talent wird Rio Reiser auch für sein politisches Engagement geehrt. Er stand offen zu seiner Homosexualität, die er 1970 an die Öffentlichkeit trug. Sein Mut und der Beitrag dazu, die festgefahrenen Genderrollen zu durchbrechen, machten Rio Reiser zu einem Vorbild vieler queerer Frauen und Männer.

Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg aus dem Jahre 2005 wird nicht beachtet.

Auch wenn Rio Reiser für viele junge Menschen der 70er und 80er Jahren eine Ikone war, war die Entscheidung, den Heinrichplatz nach ihm zu benennen, nicht unumstritten. Denn es herrscht eine starke Ungleichheit bei Straßennamen, die nach Männern bzw. Frauen benannt sind. Das Verhältnis ist ca. 9:1. Somit hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg den Beschluss von 2005, also die  Diskrepanz auszugleichen und bevorzugt Straßennamen nach Frauen zu benennen, nicht eingehalten. In der Vergangenheit gab es bereits öfter Beispiele, wo dies der Fall war, z.B. die Benennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße im April 2008 und die der Gabelsbergerstraße nach dem ermordeten Hausbesetzer Silvio Meier im April 2013.

Stellt sich nun die Frage, wieso erneut der Beschluss keine Beachtung findet. Laut Grünen-Abgeordnete Sarah Jermutus „hätte eine Ablehnung des Antrags zu sehr nach einer Ablehnung von Rio Reiser ausgesehen.“

Auch wenn wir uns über die Wertschätzung für das Lebenswerk Rio Reisers und die damit einhergehende Erinnerung der queeren Berliner Geschichte freuen, stellt sich die Frage, wie gewillt die BVV ist, ihre eigenen Beschlüsse umzusetzen.