Die 1974 benannte Straße, die zur gleichnamigen Klinik führt, wurde dem deutschen Pathologen Robert Rössle (1879 – 1956) gewidmet  – ein Wegbereiter der nationalsozialistischen Eugenik. Er trug durch rassistischeRassismusDer Begriff Rassismus lässt sich als ein Diskriminierungsmuster und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse beschreiben. In modernen Gesellschaften sind es vor allem kulturelle Merkmale, über die Menschen abgewertet und ausgeschlossen werden. Das hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Chancen und die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Integration der Betroffenen. und ableistische Schriften zur Verbreitung der Ideologie der “Rassenhygiene”“Rassenhygiene”Der Begriff der “Rassenhygiene” bezeichnete in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus die Gesamtheit von (gesetzlichen) Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der vermeintlich im Erbgut verankerten Eigenart eines Volkes, besonders der sogenannten Arier. bei und führte im Nationalsozialismus zahlreiche menschenverachtende Experimente durch.

 

Robert Rössle studierte in München, Kiel und Straßburg Medizin. Nach der Habilitation arbeitete er in Jena und Basel, bis er 1929 an den Lehrstuhl für Pathologie der Charité Berlin berufen wurde, welchen er bis 1948 leitete.

Rössle war schon vor der Machtübernahme  Adolf Hitlers (1889 – 1945) ein Verfechter der Eugenik, die im Nationalsozialismus als Rechtfertigung des Mordes an Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen diente.

In den 1930er Jahren sezierte er zu Forschungszwecken die Hoden von Gefangenen aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit, die wegen “Sittlichkeitsverbrechen” nach dem damaligen Strafgesetz §42k, zum Beispiel Homosexualität, inhaftiert waren. Ob Rössle die Kastration veranlasst hat ist unklar. Parallel wirkte er mit bei der, von Günther Just (1892 – 1950) und Karl Heinrich Bauer (1890 – 1978) ab 1935 herausgegebenen, eugenischen “Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre”. 1936 wurde er aufgrund seiner Forschung in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen.

Rössle erhielt nach Recherchen von Biochemikerin Ute Linz auch Gehirne von Julius Hallervorden (1882 – 1968). Der stellvertretende Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung (KWI) untersuchte rund 700 Gehirne von Kindern und Jugendlichen aus Brandenburg, die bei der “Aktion T4” ermordet wurden.

1934 wurde Rössle auf eigene Initiative außerordentliches Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeressanitätswesens. Ein Jahr darauf wurde er als ordentliches Mitglied anerkannt und blieb es bis 1943. 1944 wurde Rössle in den Wissenschaftlichen Beirat des “Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen” von Dr. Karl Brandt berufen. Die “Aktion Brandt” umfasste den Mord an Menschen mit Behinderung aus Heil- und Pflegeanstalten, um freie Krankenhausbetten für Kriegsopfer zu schaffen.

Karriere nach dem Nationalsozialismus

Da Rössle kein NSDAP-Mitglied gewesen war, lehrte er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach der Emeritierung arbeitete er bis 1953 am Städtischen Wenckebach-Krankenhaus in Berlin und widmete sich anschließend experimentellen Studien am Institut für Gewebeforschung.

Rössle wurde 1949 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet, er erhielt mehrere Ehrendoktorwürden, war Ehrenmitglied von elf wissenschaftlichen Gesellschaften und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. 1952 erhielt er das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Robert Rössle starb 1956 in Berlin.

Drei Jahre nach seinem Tod wurde das 1959 gegründete Akademieinstitut für Medizin und Biologie der DDR – ein ehemaliges Kaiser-Wilhelm-Institut – in Robert-Rössle-Klinik umbenannt.

Zwischen 1947 und 1991 wurden am Campus Berlin-Buch eine Reihe von Gedenkbüsten aufgestellt, um an Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen zu erinnern, die am Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. 1960 wurde vor der Robert-Rössle-Klinik eine von Gerhard Thieme geschaffene Porträtbüste aufgestellt und 1974 die Straße zum Campus nach ihm benannt. Die Klinik heißt seit 2001 nicht mehr Robert Rössle, da sie vom privaten Helios Konzern gekauft wurde, allerdings finden sich noch einige Beschilderungen oder Online-Einträge bei Google, die den alten Namen tragen.

Stand der Umbenennung

Die Chemikerin und ÄrztinUte Linz engagiert sich für die neue, historische Aufarbeitung von Robert Rössle. Sie hat in den vergangenen Jahren Material über ihn zusammengetragen, die eine umfassende historische Aufarbeitung und Umbenennung ihrer Meinung nach dringend notwendig machen. Im November 2015 wandte sie sich erstmals brieflich ans Bezirksamt Pankow, die Nachforschungen versprachen. Als daraufhin nichts passierte, reichte Ute Linz am 4. Februar 2017 eine Petition bei der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein.

Der stellvertretende Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Berlin Thomas Beddies äußerte sich gegenüber einer Umbenennung kritisch und plädiert für eine kritische Kontextualisierung des Namens ”im Sinne einer lebendigen Erinnerungs- und Mahnkultur” (taz). Ute Linz widerspricht dieser Idee als nicht angemessen und schlug vor der Straße wieder den alten Namen “Pappelweg” zu geben.

Literatur

  • Bielka, Heinz: Begegnungen mit Geschichte und Kunst auf dem biomedizinischen Campus Berlin-Buch, Berlin, 2008, S. Nr. 18.
  • Geschichte der Medizinisch-Biologischen-Institute Berlin-Buch, Berlin, 2002, S. 154-155.
  • Wissenschaft und Kunst auf dem Campus Berlin-Buch, Berlin, 2000, S. 43.
  • Isidor Fischer (Hrsg.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Berlin 1932, Bd. 2, S. 1312.
  • Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender. 1935, S. 1138; 1950, S. 1689; 1954, S. 1932.
  • Walther Fischer: Robert Rössle 70 Jahre alt. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Bd. 72 (1947), S. 40 f.
  • Werner Hueck: Robert Rössle zum 80. Geburtstag. In: Münchner Medizinische Wochenschrift. Bd. 98 (1956), S. 1098–1100.
  • Herwig Hamperl: Robert Rössle zum 80. Geburtstag. In: Klinische Wochenschrift. Bd. 34 (1956), S. 880.
  • Wilhelm Doerr: Robert Rössle 80 Jahre alt. In: Deutsches medizinisches Journal. Bd. 7 (1956), S. 524–532.
  • Andreas Werthemann: In memoriam Prof. Robert Rössle. In: Schweizerische Medizinische Wochenschrift. Bd. 87 (1957), S. 115–118.
  • Helmut Klar: Robert Roessle and his influence on pathology. In: Medico (International Edition). Bd. 12 (1963), S. 17–22.
  • Heinrich Bredt: Robert Rössle. In: Hugo Freund, Alexander Berg (Hrsg.): Geschichte der Mikroskopie. Bd. 2, Frankfurt am Main 1964, S. 333–340.
  • Dietmar Eckert: Personalbibliographien der Professoren und Dozenten der Pathologie an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität in München im ungefähren Zeitraum von 1870 bis 1945. Erlangen/Nürnberg 1971, S. 100–119.
  • Wilhelm Doerr: Zum 100. Geburtstag Robert Rössles. In: Virchows Archiv. Bd. 371 (1976), S. 1–4.
  • Herwig Hamperl: Robert Rössle in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Berlin 1976.
  • Dieter Hoffmann: Rössle, Robert. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.