Wilhelm-Hauff-Straße

Friedenau

Die Straße wurde 1909 nach dem Schriftsteller und Dichter Wilhelm Hauff (1802–1827) benannt. In seinen Schriften, insbesondere in seiner Novelle “Jud Süß“, verwendete und reproduzierte er antijüdische Stereotypen und Narrative. Das Werk gilt als frühantisemtisch und hat zur Verbreitung antijüdischer Klischees beigetragen.

Der in Stuttgart geborene Wilhelm Hauff (1802-1827) (https://viaf.org/viaf/9931960) verfasste in seiner knapp zweijährigen literarischen Schaffensperiode hauptsächlich Märchen und Novellen. Er gilt als Dichter der Romantik. Während seines Studiums war Hauff Mitglied der Burschenschaft Germania in Tübingen. In einigen seiner Erzählungen reproduzierte er existierende antijüdische Stereotypen.  

Burschenschaft Germania Tübingen

Die Burschenschaft Germania ist die älteste Burschenschaft Tübingens. Im frühen 19. Jahrhundert forderten Burschenschaften ein vereintes Deutschland und demokratische Reformen. Dabei vertraten sie patriotische Ideen. Die Burschenschaft Germania wird generell als rechtskonservativ beurteilt, die deutschnationale Werte vertritt und sich in der Tradition “abendländischer Werte“ versteht. Dazu zählt sie zu den schlagenden Burschenschaften. Das heißt, dass Mitglieder der Verbindung miteinander einen streng reglementierten Fechtkampf austragen, die sogenannte Mensur. Während seiner Zeit in der Burschenschaft Germania verfasste Hauff einige Studentenlieder, die bis heute noch im Kommersbuch veröffentlicht werden. Das Kommersbuch ist ein Liederbuch der Studentenverbindungen, welches Volks- und Studentenlieder beinhaltet.

Reproduktion antijüdischer Stereotype in Hauffs Werken 

Wilhelm Hauffs Werke, insbesondere seine Novelle “Jud Süß” aus dem Jahr 1827, stehen im Fokus der Debatte über die Reproduktion antijüdischer Stereotypen. Dieser Text diente als Vorlage für die nationalsozialistische filmische Adaption von Veit Harlan (https://viaf.org/viaf/68930247). Obwohl die Novelle auf der historischen Figur Joseph Süß Oppenheimer (https://viaf.org/viaf/149677327) basiert, weicht sie in vielen Aspekten von der historischen und sehr komplexen Quellenlage ab. Dennoch bleibt ein Zugang zur historischen Person Joseph Oppenheimer unabhängig von dem Mythos und Narrativ von “Jud Süß” schwer oder sogar unmöglich.

Oppenheimer wurde öffentlich als “Sündenbock” für Herzog Karl Alexander von Württemberg (https://viaf.org/viaf/20029874) präsentiert. In Hauffs Erzählung wird Joseph Süß Oppenheimer als scheinbar “unantastbar” beschrieben. Ihm wird vorgeworfen, den Herzog zur Untreue gegenüber seinem Volk zu drängen, sich persönlich zu bereichern und seine Gegner strategisch zu verhaften. Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Geier beschreibt in ihren Arbeiten, wie Hauff in der Novelle Jüdinnen und Juden als eine nicht-deutsche Eigengesellschaft darstellt und einen “literarischen Antisemitismus” betreibt, indem er “deutsch” und “jüdisch” als gegensetzlich darstellt und Jüdinnen und Juden als Fremdgruppe konstruiert. Dabei wird Süß als eigentlicher Herrscher dargestellt und somit zum Sündenbock gemacht, was eine strukturelle Schuldzuschreibung darstellt, die sich in antisemitische Verschwörungenerzählungen eingegliedert. Der Germanist und Literaturhistoriker Rolf Düsterberg argumentiert, dass Hauff ein breites Spektrum von antijüdischen Zuschreibungen nutzt, einschließlich religiöser, moralischer, sozialer, ökonomischer und körperlicher Elemente. Die Literaturwissenschaftlerin Gabriele von Glasenapp hat untersucht, wie diese antijüdische Stereotypen durch Hauffs Erzählung etabliert, perpetuiert und tradiert wurden. Hauffs Bekanntheit trug zur historischen Anerkennung des Textes beim Publikum bei, und es wurden bekannte und populäre antijüdische Stereotypen aufgegriffen und mit der historischen Person Oppenheimers  verknüpft.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Wilhelm Hauffs Werk “Jud Süß” eine zentrale Rolle in der Reproduktion antijüdischer Stereotypen spielt. Es verwendet eine Vielzahl von Stereotypen und schafft eine negative Darstellung von Jüdinnen und Juden, die in der deutschen Literaturgeschichte und Erinnerungskultur kritisch betrachtet werden muss.

Stand der Umbenennung

Die Wilhelm-Hauff-Straße wird im Dossier zu Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin von Dr. Felix Sassmannshausen genannt. Bezüglich der Hauffstraße in Berlin Lichtenberg, strebt der Bezirk Lichtenberg eine Umbenennung unter Bürger*innebeteiligung an, weshalb der Straßenname am 24.10.2023 in einer Veranstaltung im Museum Lichtenberg diskutiert wird. (https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/aktuelles/pressemitteilungen/2023/pressemitteilung.1373099.php).

Unsere Empfehlung

Wir schließen uns der Empfehlung von Dr. Felix Sachsmannshausen an, eine gründliche Untersuchung des literarischen Antisemitismus in Wilhelm Hauffs Werken einzuleiten und den Kontext der Straßenbennenung besser zu erforschen. Die negative Darstellungen von jüdischen Charakteren über die Zuschreibung antijüdischer Eigenschaften (sei es religiös, wirtschaftlich, charakterlich oder physisch) sehen wir als antisemitisch an. Es ist auch wichtig, zu untersuchen, wie diese antisemitischen Stereotypen im Laufe der Zeit übertragen wurden, insbesondere in Bezug auf die filmische Adaption von “Jud Süß” unter Veit Harlan als nationalsozialistischen Propagandafilm. Abseits des literarischen Antijudaismus von Wilhelm Hauff, sollte man auch kritisch hinterfragen, warum Hauff in Berlin geehrt wird, da er keinen Bezug zu Berlin hat. Alle diese Elemente sprechen für uns für eine Umbenennung der Hauffstraße.

Literatur

  • Aue, Irene: Tagungsbericht Joseph Oppenheimer, genannt ‚Jud Süß‘. Zur Wirkungsmacht einer ‘ikonischen Figur‘. In: H-Soz-Kult, 01.09.2004, Abrufbar im Internet: www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-550.
  • Düsterberg, Rolf: Wilhelm Hauffs opportunistische Judenfeindschaft. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 119. 2000, Nr. 2, S. 190-212.
  • Franck, Jakob: Hauff, Wilhelm. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 11, Duckner & Humblot, Leipzig 1880, S. 48 f.
  • Geier, Andrea: Juden als innergesellschaftliche Fremde – Emotionalisierungsstrategien im literarischen Antisemitismus am Beispiel von Wilhelm  Hauffs ‚Jud Süß‘. In: Literaturkritik, . 2013, Nr. 6. Abrufbar im Internet: https://literaturkritik.de/id/1798
  • Von Glasenapp, Gabriele: Zur (Re-) Konstruktion der Geschichte in jüdisch-historischen Romanen. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, 9, 1999, Nr. 2, S. 389-404.
  • Zeller, Bernhard: Hauff, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie. Band 8,  8 (1969), S. 85-87 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546864.html#ndbcontent