Ortliebstraße
Lichtenberg
Die Ortliebstraße wurde am 9. Juli 1965 nach einer Figur aus der Nibelungensage benannt. In diesem Ortsteil sind 19 Straßen nach der Nibelungensage oder auch Richard Wagners (1813-1883) „Der Ring der Nibelungen“ benannt, in dem sich antijüdische Stereotypen finden.
Dieser Beitrag wurde zuerst in „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum. Workshop und Bildungsmaterialien“ veröffentlicht, einem Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V.
Verlauf der Straßenbenennungen
Bevor Lichtenberg 1907 das Stadtrecht verliehen wurde, gehörte die Gemeinde zum Kreis Niederbarnim. Bereits 1896 wurde die Siegfriedstraße nach der Figur Siegfried aus der Nibelungensage benannt. 1897 folgte die Hagenstraße und 1900 die Gernot-, Rüdiger- und die Kriemhildstraße. Vermutlich um 1900 wurde die Guntherstraße und vor 1902 die Volkerstraße benannt.
1907 erhielt Lichtenberg die Stadtrechte. Im gleichen Jahr wurde die Freia- und die Wotanstraße benannt. Um 1910 folgte der Freiaplatz. Am 9. November 1926 wurde die Gotlindestraße benannt.
Erst am 9. Juli 1965 folgten weitere Benennungen. Die Wohnstraße A wurde zur Dietlindestraße, die Wohnstraße B zur Ortliebstraße und die Wohnstraße C zur Dankwartstraße. Begründet wurden diese Benennungen mit der vom Magistrat vorgegebenen Linie: „bei der Benennung von Straßen innerhalb eines bestimmten Gebietes möglichst Namen aus der gleichen Personen- oder Begriffsgruppe auszuwählen“. Alle umliegenden Straßen seien bereits nach Gestalten der Nibelungensage benannt. Der Punkt, dass die Nibelungensage nicht mehr publikationswürdig sei, wurde zurückgewiesen. Dabei wurde sich auf die positive Reaktion der Bevölkerung bezogen, als auch, dass die Nibelungensage in den öffentlichen Bibliotheken stehe. Die Haltung des Magistrats schien sich dahingehend geändert zu haben. Noch 1961 wurden Vorschläge zur Benennung von Straßen nach der Nibelungensage abgelehnt, mit Begründung auf die ideologische Verknüpfung mit dem Nationalsozialismus.
Am 26. Juli 2013 wurden weitere Straßen benannt. Der Bezirk benannte bislang unbenannte Straßen: den Alzeyweg, den Giselhersteig, den Hadburgpfad, den Nibelungenring und die Rumoldstraße.
Woher kommen die Namen?
Bei allen Straßen ist der Benennungshintergrund etwas uneindeutig. Es wäre möglich, dass die Straßen schlichtweg nach der germanischen Nibelungensage bzw. dem Nibelungenlied benannt sind. Durch die anliegenden Straßen, die in den ersten Benennungswellen noch einen Bezug zum Komponisten Richard Wagner aufwiesen (etwa der Wagnerplatz, seit 1935 Roedeliusplatz, die Wagnerstraße, die zwischen 1897 und 1935 so hieß und dann in Fanningerstraße benannt wurde, oder eine weitere Wagnerstraße, die seit 1906 Normannenstraße heißt), lässt sich aber annehmen, dass die Straßen nach seinem Werk Der Ring der Nibelungen benannt wurden. Dieses wurde 1876 in Bayreuth uraufgeführt und war ein vierteiliger Opernzyklus, also eine Tetralogie. Die vier Opern waren Das Rheingold („Vorabend“), Die Walküre („Erster Tag“), Siegfried („Zweiter Tag“), Götterdämmerung („Dritter Tag“).
Judenhass bei Wagner
Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) veröffentlichte 1850, zunächst unter dem Decknamen „K. Freigedank“ seinen Aufsatz Das Judentum in der Musik, in der er antijüdische Vorurteile verbreitete. Darin stellte er sich selbst als Opfer der „Musikjuden“ dar. Außerdem unterstellte er jüdischen Personen, die erfolgreich im Kulturbereich arbeiteten, diesen Erfolg nur wegen ihres Geldes zu haben. Er beschrieb die Sprache und das Aussehen von jüdischen Personen als abstoßend und abscheulich. Zeitgleich schrieb er schon an Der Ring des Nibelungen.
Antijüdische Klischees im Der Ring des Nibelungen
Einige Figuren verkörpern antijüdische Klischees. Vorallem die Zwerge Alberich und Mime wurden schon kurz nach Erscheinen der Oper wiederholt von Kritikern als jüdisch gedeutet. Zwar gibt es keine Aussage von Wagner, die das eindeutig belegt, jedoch weisen Merkmale wie eine kreischende Stimme, zurückgebildete Sprache, der Hinkefuß Alberichs und die Habsucht der Figuren Bezüge zu Wagners Schrift über das Judentum auf. Würde man in der Schrift über das Judentum das Wort „Juden“ durch „Zwerge“ ersetzen, so bekäme man eine ähnliche Schilderung wie im „Ring“, schreibt Michael Günther. Paul Lawrence Rose urteilt wie folgt:
„Der antisemitische Subtext war dem zeitgenössischen Publikum geläufig, und es bestand keine Notwendigkeit, ihn eigens herauszustellen. Wagner hatte triftige Gründe, keine Charaktere mit jüdischen Namen auf die Bühne zu bringen. Es gehörte zu seiner Strategie als Künstler und Rassist, die Opern als traumhafte Erfahrungen für sein Publikum zu konzipieren: Konkrete Probleme – wie zum Beispiel die Judenfrage – sollten ihnen nicht in realistischer Art und Weise aufgedrängt werden. Stattdessen waren diesen Werken revolutionäre und antijüdische Themen auf einer unterschwelligen Ebene eingeschrieben, die von den Zuschauern verstanden werden würden.“
Fazit
Die Straßenbenennungen sind zum einen problematisch, weil sie das Werk von Wagner ehren, der Judenhass verbreitet hat. Dazu kommt die Begeisterung der Nationalsozialisten, insbesondere Adolf Hitlers (1889-1945) für seine Musik. Aus den Beispielen der Figuren Alberich und Mime lässt sich dazu noch herauslesen, dass Wagner seinen Antisemitismus auch in seine Opern einfließen ließ. Auch wenn man den Künstler Wagner von seinen Opern trennen würde, verbreiten die Opern unabhängig antijüdische Stereotype.
Literatur
Literatur
- Günther, Michael: Das Judentum in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Eine kritische Diskussionsgeschichte, Hamburg 2012.
- Rose, Paul Lawrence: Richard Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999.
- Weiner, Marc A.: Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000.
Internet
- Richard-Wagner-Verband International e.V. (Hg.): Der Ring des Nibelungen, URL: https://www.richard-wagner.org/rwvi/de/richard-wagner/werke/?collection_id=915, 06.09.2025.
Archivmaterial
- LAB C Rep. 147-12 Nr. 9493: Vorlage Nr. 580 zur 101 Ratssitzung am 10.2.1965.
- LAB C Rep. 147-12 Nr. 9493: Schreiben vom 14.4.1961, Magistrat Groß-Berlin.



