Hauffstraße
Rummelsburg
Die Straße wurde um 1915 nach dem Schriftsteller und Dichter Wilhelm Hauff (1802–1827) benannt. In seinen Schriften, insbesondere in seiner Novelle “Jud Süß“, verwendete und reproduzierte er antijüdische Stereotypen und Narrative.
Dieser Beitrag wurde zuerst in „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum. Workshop und Bildungsmaterialien“ veröffentlicht, einem Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V.
Wer war Wilhelm Hauff?
Die Hauffstraße wurde um 1915 nach dem in Stuttgart geborenen Schriftsteller und Dichter Wilhelm Hauff (1802-1827) benannt. Von 1820 bis 1824 studierte er in Tübingen Theologie und promovierte 1825. Er gehörte zu den sogenannten „Feuerreitern”, einer burschenschaftlichen Vereinigung, also einer Studentenverbindung. In diesem Umfeld schrieb er erste Gedichte und Hymnen.
Nach dem Studium arbeitete er bis 1826 als Hauslehrer bei einer wohlhabenden Familie und konnte so nebenbei weiter schreiben. Anschließend brach Hauff auf zu einer Bildungsreise, die ihn nach Paris, Brüssel, Antwerpen, Gent und Kassel führte, wo er Wilhelm Grimm (1786-1859) besuchte. Anschließend reiste er nach Göttingen, Bremen, Hamburg und Berlin. Im November desselben Jahres kehrte er mit einem Stop in Dresden und Leipzig nach Stuttgart zurück.
Bereits zum Jahresanfang 1827 übernahm er die Redaktionsleitung des Morgenblattes und heiratete. Am 18. November 1827, wenige Tage nach der Geburt seines ersten Kindes, starb Hauff an einer Gehirngrippe. In seiner knapp kurzen Zeit als Schriftsteller schrieb er viele Märchen, Novellen, Gedichte und Romane. Zu einigen seiner bekanntesten Märchen zählen Kalif Storch, Die Geschichte von dem kleinen Muck und Zwerg Nase.
Antisemitismus im Werk von Hauff
In einigen seiner Erzählungen reproduzierte Hauff existierende antijüdische Stereotypen. Das sind Vorurteile über jüdische Personen im Allgemeinen, wie ein bestimmtes Aussehen oder Charaktereigenschaften, die als Grundlage für Ablehnung und Hass gegen Jüdinnen und Juden dienen. Dass Hauff solche Vorurteile hatte, ist bei seinem Umfeld im Studium nicht verwunderlich. Er war Mitglied der Burschenschaft Feuerreiter und Germania in Tübingen.
Im frühen 19. Jahrhundert forderten Burschenschaften ein vereintes Deutschland und demokratische Reformen. Dabei vertraten sie patriotische Ideen. Die Burschenschaft Germania wird generell als rechtskonservativ beurteilt, die deutschnationale Werte vertritt und sich in der Tradition „abendländischer Werte“ versteht. Damit ging oftmals eine Ablehnung von Jüdinnen und Juden einher. Wilhelm Hauff verkehrte also in nationalistisch und auch antijüdisch eingestellten Kreisen.
Besonders kritisch wird seine Novelle Jud Süß aus dem Jahr 1827 gesehen. Die Novelle basiert auf der historischen Figur Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738), der ein Berater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg (1684-1737) war und nach dessen Tod als „Sündenbock” zu Tode verurteilt wurde. In Hauffs Erzählung wird der Jude Joseph Süß Oppenheimer als scheinbar „unantastbar“ beschrieben.
Ihm wird vorgeworfen, den Herzog zur Untreue gegenüber seinem Volk zu drängen, sich persönlich zu bereichern und seine Gegner strategisch zu verhaften. Oppenheimer wird als heimlicher Herrscher dargestellt, was ein Merkmal antijüdischer Verschwörungserzählungen ist. Hauff stellt in seiner Novelle „deutsch“ und „jüdisch“ als Gegensatz dar. Somit werden Jüdinnen und Juden als Fremde beschrieben. Durch seine Bekanntheit als erfolgreicher Autor trug Hauff zur Verbreitung dieser Bilder über Jüdinnen und Juden und insbesondere über Oppenheim beim Publikum bei.
Im Märchen Kalif Storch finden sich auch antijüdische Bilder. Der Krämer, der dem Kalifen das Zaubermittel, das sie in Störche verwandelt, verkauft, wird als unheilvolle Figur beschrieben. Es ist nicht klar, ob Hauff 1825 bei der Formulierung des verarmten Kleinhändlers antijüdische Bilder im Kopf hatte. Als das Märchen 1900 von Max Reach illustriert wurde, bildete der Zeichner den Krämer jedoch mit vermeintlich „jüdischen” Merkmalen ab. Er zeichnete eine große Nase, lange Wangenknochen und einen langen Bart. Der Krämer trug außerdem einen sehr hohen dunklen Zylinder und einen dunklen Mantel. Später im Märchen tritt der Krämer als machthungriger Zauberer auf, der den Kalifen verwandelt hat, um seinen eigenen Sohn auf den Thron zu bringen. Um das Zauberwort zu erfahren, schlägt eine Eule vor, den Zauberer zu verfolgen. Dieser trifft sich abends mit seinen Zaubererkollegen, um über das Unheil zu prahlen, was sie am Tag verbreitet haben. Wieder ist in Hauffs Geschichte ein antijüdisches Bild der Verschwörer angedeutet. Max Reach zeichnet dies viel eindeutiger und malte einem der Zaubererkollegen einen Davidstern auf den Hut.
Exotismus in Hauffs Werk
Die Werke des Märchen-Almanachs auf das Jahr 1826, in denen Geschichten wie der Kleine Muck und Kalif Storch erschienen, sind auch kritisch zu betrachten, weil er sie alle in einer „orientalischen” Welt verortet. Ausgangspunkt ist eine Karawane, die sich gegen die Langeweile Geschichten erzählen. Der „Orient” und seine Bewohner werden verklärt und mit vielen Vorurteilen dargestellt, insbesondere weil Hauff nie eines der Länder in Vorderasien oder auf der Arabischen Halbinsel besucht hatte.
Stand der Umbenennung
Die Hauffstraße wird im Dossier zu Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin von Dr. Felix Sassmannshausen genannt. Das Bezirksamt Lichtenberg strebt eine Umbenennung bzw. Kommentierung der Straße an. Hierzu fand eine Podiumsdiskussion am 24. Oktober 2023 statt. Seit dem gab es keine weiteren Entwicklungen.
Unsere Empfehlung
Wir schließen uns der Empfehlung von Dr. Felix Sachsmannshausen an, eine gründliche Untersuchung des literarischen Antisemitismus in Wilhelm Hauffs Werken einzuleiten und den Kontext der Straßenbennenung besser zu erforschen. Die negative Darstellungen von jüdischen Charakteren über die Zuschreibung antijüdischer Eigenschaften (sei es religiös, wirtschaftlich, charakterlich oder physisch) sehen wir als antisemitisch an. Es ist auch wichtig, zu untersuchen, wie diese antisemitischen Stereotypen im Laufe der Zeit übertragen wurden, insbesondere in Bezug auf die filmische Adaption von “Jud Süß” unter Veit Harlan als nationalsozialistischen Propagandafilm. Abseits des literarischen Antijudaismus von Wilhelm Hauff, sollte man auch kritisch hinterfragen, warum Hauff in Berlin geehrt wird, da er keinen Bezug zu Berlin hat. Alle diese Elemente sprechen für uns für eine Umbenennung der Hauffstraße.
Literatur
Literatur
- Aue, Irene: Tagungsbericht Joseph Oppenheimer, genannt ‚Jud Süß‘. Zur Wirkungsmacht einer ‘ikonischen Figur‘, in: H-Soz-Kult, 01.09.2004, URL: https://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=550&view=pdf, 01.09.2025.
- Baumgart, Peter: Oppenheimer, Joseph Süß, in: Neue Deutsche Biographie 1, 1999, S. 571-572, URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757733.html#ndbcontent, 01.09.2025.
- Düsterberg, Rolf: Wilhelm Hauffs opportunistische Judenfeindschaft, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, 119. 2000, Nr. 2, S. 190-212.
- Enzenbach, Isabel: Kalif Storch und der Bilderbuchjude: Antisemitische Illustrationen in einer bibliophilen Neuauflage des Märchens, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17. Berlin 2008, S. 325-336.
- Geier, Andrea: Juden als innergesellschaftliche Fremde – Emotionalisierungsstrategien im literarischen Antisemitismus am Beispiel von Wilhelm Hauffs ‚Jud Süß‘, URL: https://literaturkritik.de/id/17984, 01.09.2025.
- Sassmannshausen, Felix von: Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin. 2021, URL: https://img.welt.de/bin/Dossier_bn-235636290.pdf, S. 59.
- Von Glasenapp, Gabriele: Zur (Re-) Konstruktion der Geschichte in jüdisch-historischen Romanen, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, 9, 1999, Nr. 2, S. 389-404.
Internet
- bpb (Hg.): Burschenschaften: Geschichte, Politik und Ideologie, URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/, 01.09.2025.
- Deutsche Biografie (Hg.): Oppenheimer, Joseph, URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz73670.html#ndbcontent, 01.09.2025.
- Deutsche Biographie (Hg.): Hauff, Wilhelm, URL:https://www.deutsche-biographie.de/pnd118546864.html#ndbcontent, 01.09.2025.
- Lichtenberg Nachrichten (Hg.): Umgang mit Straßennamen und neuen historischen Einordnungen der Namenspersonen, URL: https://www.lichtenberg-nachrichten.de/umgang-mit-strassennamen-und-neuen-historischen-einordnungen-der-namenspersonen/, 07.09.2025.



