Straßenbenennungen in Berlin im 19. Jahrhundert: Straßennamen zwischen Orientierung und Politik
Straßennamen dienen der Orientierung – sie erzählen aber auch davon, wer und was in einer Gesellschaft als erinnerungswürdig gilt. Gerade die Straßenbenennungen im Berlin des 19. Jahrhunderts zeigen, wie eng Stadtentwicklung und politische Repräsentation mit der sichtbaren Erinnerungskultur verbunden sind.
- Nicht alle Straßennamen wurden bewusst benannt: Ältere Namen entstanden häufig aus dem alltäglichen Sprachgebrauch.
- Ab dem 18. und vor allem dem 19. Jahrhundert wurden Straßen zunehmend gezielt benannt.
- Das rasante Stadtwachstum Berlins machte im 19. Jahrhundert zahlreiche neue Straßennamen notwendig.
- Über Straßennamen wurden Personen, historische Ereignisse und politische Vorstellungen im öffentlichen Stadtraum eingeschrieben.
- Die Entscheidung über neue Namen lag beim Kaiser und Berliner Magistrat – der Großteil der Bevölkerung hatte nur begrenzten Einfluss.
- Auch nationalistische, antisemitische und koloniale Vorstellungen fanden Eingang in die Berliner Straßenbenennungen.
Primäre und sekundäre Straßennamen
Straßennamen dienen in erster Linie der Orientierung im öffentlichen Raum. Dabei werden die primären und die sekundären Straßennamen unterschieden.
Als Straßennamen noch aus dem Alltag entstanden
Die primären Straßennamen entstanden ab dem 12. und 13. Jahrhundert und beschreiben oft die Umgebung des Ortes oder die Richtung, die die Straße hat. So entstanden beispielsweise Straßennamen wie „Am Tümpel”, „Frankfurter Straße” oder„Schlossallee”.
Auch Bezeichnungen über das Aussehen der Straße oder was darin zu finden ist, führten teilweise zu Straßennamen wie „Krumme Gasse”, „Breite Straße” oder „Schneiderweg”, „Jägergasse”. Diese Bezeichnungen wurden oft im alltäglichen Sprachgebrauch überliefert und schließlich ab dem 14. Jahrhundert schriftlich fixiert und auch als offizielle Straßennamen verwendet.
Straßennamen werden zum politischen Instrument
Ab dem 18. Jahrhundert entstanden die sogenannten sekundären Straßennamen. Bei diesen Straßennamen geht es nun nicht mehr um das Beschreiben einer Umgebung, sondern um das Einschreiben und die Verbreitung von Ideen, Vorstellungen sowie expliziter oder impliziter politischer Propaganda im Stadtraum. Diese Straßen tragen oft Personen, Pflanzen, Tiere und andere Länder im Namen.
Im folgenden Text wird es um diese sekundären Straßennamen gehen und die Praxis der Namensgebung in Berlin vom 19. Jahrhundert bis 1919.
Kontext: Berlin wächst und braucht neue Straßennamen
Mit der explosionsartigen Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde Berlin zu einem Industriestandort. Die neuen Fabriken schufen Arbeitsplätze und in der Folge zogen sehr viele Menschen aus dem Umland und den preußischen Provinzen in die Stadt. Neue Wohngebiete wurden entworfen, die allesamt neue Straßennamen brauchten.
Der Hobrechtplan und die Berliner Stadterweiterung
Um das Projekt der Stadterweiterung zu strukturieren, wurde James Hobrecht (1825-1902) beauftragt, einen Bebauungsplan zu entwerfen – der sogenannte Hobrechtplan. Dieser wurde in den Folgejahren umgesetzt, an anderen Stellen aber auch noch einmal abgeändert, beispielsweise wenn die Gegebenheiten vor Ort oder die Eigentumsverhältnisse eine Änderung nötig machten. Auf diesem Bebauungsplan sind die Straßennamen schon in Abschnitten und mit vorläufigen Nummern verzeichnet. Dies führte wiederum dazu, dass Straßen oft schon benannt wurden, bevor sie überhaupt (fertig) gebaut waren.
Ganze Viertel bekommen thematisch passende Namen
Eine weitverbreitete Methode bei diesen vielzähligen Benennungen ist die „Clustermethode“, bei der z.B. Straßen in Wohngebieten nach Themenfeldern benannt wurden. Das vereinfachte zum einen die Namenswahl und diente der leichteren Merkfähigkeit und Orientierung.
Auch diese Benennungen hatten oft politische Repräsentationsfunktionen: So entstanden das „Schwedische Viertel” (Osloer, Drontheimer, Bornholmer Str. u.a.) oder das „Englische Viertel” (Edinburgher, Glasgower, Londoner Str. u.a.) in Berlin-Wedding anlässlich den Besuchen entsprechender Staatsoberhäupter 1905 und 1909. Denn ab 1871 war Berlin auch noch die Hauptstadt des neu gegründeten Deutschen Kaiserreichs – und wollte das auch in der Stadt repräsentiert sehen.
Akteure: Wer entschied über Berliner Straßennamen?
Die Benennung der Straßennamen lag mit einem Erlass von 1813, also einer Art Beschluss, beim König von Preußen, der dann ab 1870/71 auch gesamtdeutscher Kaiser war. Er konnte also bestimmen, wie welche Straße benannt wurde, was aber in der Realität selten passierte. Den Großteil der Arbeit erledigte der Magistrat, der ebenso wie das Polizeipräsidium ein Vorschlagsrecht hatte.
Politische Mitbestimmung war stark eingeschränkt
Dieser Magistrat wurde von der aus 102 Männern bestehenden Stadtverordnetenversammlung gewählt. Diese wurde wiederum nach dem Zensuswahlrecht bestimmt, was ein gewisses Vermögen zur Wahlberechtigung voraussetzte. Der Magistrat setzte sich anschließend aus zehn besoldeten und 15 unbesoldeten Stadträten zusammen. Vorsitzender war der Oberbürgermeister, der vom Magistrat und Kaiser bestätigt wurde.
Ernst Friedel und die Berliner Straßenbenennungen
Im Falle der Straßenbenennungen ist der Stadtrat und langjährig im Magistrat vertretene Ernst Friedel (1837-1918) eine zentrale Figur. Er war der sogenannte Dezernent für Straßenbenennungen, also derjenige, der im Magistrat den „Hut“ für Straßennamen auf hatte. Jedoch ist in den Vorschlagslisten vermerkt, dass nicht nur Friedel Namensvorschläge einreichte, sondern auch die anderen Magistratsmitglieder oder – in wenigen Fällen – auch „die Bürgerschaft“.
Der Magistrat traf sich also und besprach die neuen Straßennamen. Diese Liste wurde vom Magistrat und Polizei-Präsidenten an das Ministerium für öffentliche Arbeiten weitergeleitet, welches die Liste dann dem König/Kaiser vorlegte. Dieser unterzeichnete anschließend – meist einmal im Jahr – die Liste mit künftigen Benennungen.
Motive: Was Straßennamen über Macht und Erinnerung erzählen
Für die neu entstandenen Straßen immer einen Namen mit Ortsbezug zu finden ist schier unmöglich. Neben der Orientierung im Raum erfüllen Straßennamen aber noch eine weitere Funktion, nämlich die der Erinnerung und Ehrung.
Wer bekommt einen Platz im Stadtbild?
Schon vor dem 19. Jahrhundert wurden Straßen nach verstorbenen oder lebenden Personen benannt. Meistens waren diese Personen Mitglieder der königlichen Familie oder bedeutende Adelige und Generäle. Ausnahmen sind Straßen, die nach ehemaligen Grundbesitzern benannt sind. An den Straßennamen konnte also erkannt werden, wer herrschte und welche Personen als wichtig erinnert wurden.
Eine Benennung ist immer auch eine Machtgeste. Mit einer Benennung wird ausgewählt, was erinnert werden soll und was nicht. Vermutlich durch die vielen zu benennenden Straßennamen wurden nun aber nicht mehr nur Prinzen und Generäle als Namensgeber ausgewählt, sondern auch berühmte Wissenschaftler, Ärzte, Künstler sowie Besitztümer und die, die es noch werden sollten.
Dass Straßenbenennungen repräsentativen Charakter hatten erläutert das Ministerium für öffentliche Arbeiten in einem Zeitungsartikel 1892:
„Wir begnügen uns daher nicht wie die nüchternen Amerikaner, damit, [sic!] unseren Straßen einfach eine Nummer zu geben, daß geschieht nur einstweilen für die neuentstehenden Züge, sondern wollen einen Namen von Bedeutung. Die Großthaten der vaterländischen Geschichte, die Namen der Feldherren, Gelehrten, Dichter, Künstler etc. Stehen [sic!] bei uns auf den Straßenschildern, und außerdem sind viele Straßenzüge auf den Straßenschildern auch noch gewissermaßen Wegweiser ins Deutsche Reich hinaus, indem alle bedeutenden Ortschaften durch eine Straßenbenennung in Erinnerung gebracht werden. Man kann an der Hand eines Berliner Straßenplans sich ganze Partien aus der Geschichte vergegenwärtigen und deutsche Landeskunde studieren. […] Straßennamen sollen kurz und leicht auszusprechen sein […].”
(GStA PK I. HA Rep. 77, Tit. 1319, Berlin Nr. 2 Bd. 16)
Das Zitat macht deutlich: Berliner Straßennamen sollten Geschichte nicht nur abbilden, sondern eine bestimmte Vorstellung von Geschichte im Alltag sichtbar machen und im öffentlichen Raum verankern.
Koloniale Straßennamen und politische Interessen
Nicht außer Acht zu lassen sind allerdings die möglichen persönlichen Motivationen der Magistratsmitglieder.
Ernst Friedel hat zahlreiche kolonialpropagandistischen Schriften veröffentlicht und war Mitglied in der Deutschen Kolonialgesellschaft, weswegen eine persönliche Motivation für bestimmte koloniale Namensgebungen wie im sog. Afrikanischen Viertel nicht ausgeschlossen zu sein scheint.
Hinzu kommen mögliche innenpolitische Motive für die Benennung von Straßen und Plätzen in Berlin: So waren Reichstagswahlen und (Kolonial-)Skandale ein Grund sich als Kolonialreich positiv darzustellen und auf die kolonialen Besitzungen zu verweisen. Gängig waren auch Benennungen in den als „rot“ geltenden Arbeiter- und Zuwandererbezirken wie Wedding, Friedrichshain oder Neukölln. Über Straßennamen konnte politische Propaganda unmittelbar im Stadtraum platziert und eine positive Erzählung der Nation direkt im alltäglichen Lebensumfeld der Bevölkerung vermittelt werden.
Straßennamen sind Teil der Berliner Erinnerungskultur
Die Geschichte der Straßenbenennungen in Berlin zeigt, dass Straßennamen weit mehr sind als Orientierungshilfen. Sie machen sichtbar, welche Personen, Orte und Ereignisse zu einem bestimmten Zeitpunkt als erinnerungswürdig galten.
Gerade die im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstandenen Straßennamen spiegeln nicht nur die enorme räumliche Entwicklung Berlins wider. Sie erzählen auch von den politischen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Entstehungszeit.
Die Auseinandersetzung mit historischen Straßennamen bedeutet daher immer auch, danach zu fragen: Wer durfte bestimmen, an wen oder was im öffentlichen Raum erinnert wird und wer oder was blieb unsichtbar?
¹ Vgl. Der Regierende Bürgermeister (Hg.): Die Oberbürgermeister Gerlach, Büsching und Bärensprung – Berlin unter der Städteordnung von 1808, Stand 13.08.2024.
² Vgl. GStA PK I. HA Rep. 77, Tit. 1319, Berlin Nr. 2 Bd. 17.
³ Vgl. Kopp, Christian: Blues in Schwarz-Weiß, Stand 13.08.2024.








