Tannhäuserstraße

Karlshorst

Die Tannhäuserstraße wurde 1910 nach der Titelgestalt der Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ von Richard Wagner benannt (1813-1883), der seine antisemitische Weltanschauung auch in seine Opern einfließen ließ.

Dieser Beitrag wurde zuerst in „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum. Workshop und Bildungsmaterialien“ veröffentlicht, einem Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V.

Worum geht es in Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg?

Richard Wagners Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist eine romantische Oper in drei Akten, die 1845 in Dresden uraufgeführt wurde. Die Handlung spielt im 13. Jahrhundert in Thüringen rund um die Wartburg. Sie folgt dem Minnesänger Tannhäuser, der zunächst im Venusberg mit der Göttin der Liebe lebt, dort aber unzufrieden wird und in seine alte Welt zurückkehrt. Auf der Wartburg trifft er Elisabeth wieder, die ihn liebt, und nimmt am Sängerwettstreit teil. Während andere Sänger die reine, himmlische Liebe preisen, verherrlicht Tannhäuser die sinnliche Liebe. Ein Skandal, der fast zu seinem Tod führt, aber durch Elisabeths Fürsprache abgewendet wird. Als Buße schließt er sich einer Pilgerreise nach Rom an. Doch der Papst verweigert ihm die Absolution und sagt, er könne so wenig Vergebung finden, wie ein dürrer Stab wieder ausschlagen könne. Verzweifelt ruft Tannhäuser nach Venus, bis Wolfram ihn im letzten Moment an Elisabeth erinnert. Als sie stirbt, erreicht ihn durch ihr Opfer doch noch göttliche Gnade: Ein Wunder geschieht, der Stab des Papstes erblüht, und Tannhäuser findet im Tod Erlösung.

Warum wurde die Straße nach der Oper benannt?

Die Kolonie Karlshorst wurde 1895 gegründet und in den folgenden Jahren von mehreren Bau- und Bodengesellschaften ausgebaut, darunter die Heimstätten AG, die Bodengesellschaft GmbH, und die Bauvereinigung Eigenhaus, eine vom Hochadel getragene Baugemeinschaft. Die Tannhäuserstraße erhielt ihren Namen 1910, als in Karlshorst viele neue Straßen angelegt wurden und benannt werden mussten. 1910 wurden insgesamt 22 Straßen neu benannt. Man vergab Namen oft nach thematischen Gruppen für eine bessere Orientierung und einen Wiedererkennungswert, so befinden sich in der Nähe der Tannhäuserstraße ebenfalls die Rienzi- und Walkürenstraße, die auch nach Wagner-Opern benannt sind. In Lichtenberg gab es ebenfalls bereits ein Wagnerviertel.

Was ist die Problematik?

Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) veröffentlichte 1850, zunächst unter dem Decknamen „K. Freigedank“ seinen Aufsatz Das Judentum in der Musik, in der er antijüdische Vorurteile verbreitete. Darin stellte er sich selbst als Opfer der „Musikjuden“ dar. Außerdem unterstellte er jüdischen Personen, die erfolgreich im Kulturbereich arbeiteten, diesen Erfolg nur wegen ihres Geldes zu haben. Er beschrieb die Sprache und das Aussehen von jüdischen Personen als abstoßend und abscheulich.

Obwohl Wagners Tannhäuser keine explizit jüdischen Figuren enthält, gibt es in der Oper dennoch antisemitische Implikationen. Wagner griff bei der Gestaltung seiner „Wanderer“-Gestalten, die in verschiedenen Werken von ihm vorkommen, unter anderem auch in Tannhäuser, auf den Ahasverus-Mythos zurück: Die Legende vom „ewigen Juden“, der ruhelos und ohne Aussicht auf Erlösung durch die Welt wandern muss. Der Bezug zum Ahasverus-Mythos war Wagner wie auch seinem zeitgenössischen Publikum bewusst; dadurch war ein jüdischer Bezug in die Handlung eingebettet. Zugleich trug die Gestaltung der Figur antisemitische Implikationen in sich: Während Wagners nichtjüdische Helden wie Tannhäuser  Erlösung finden können, bleibt diese dem jüdischen Ahasverus prinzipiell verwehrt. Damit demonstriert die Erlösung des Tannhäuser gewissermaßen die Unfähigkeit des jüdischen Wanderers, jemals Erlösung zu finden. Insofern bedient die Oper trotzdem, dass es keine explizit jüdischen Figuren gibt, ein bewusst gewähltes antisemitisches Deutungsmuster.

Fazit

Die Benennung der Tannhäuserstraße ist problematisch, weil sie ein Werk von Richard Wagner ehrt. Wagner verbreitete nicht nur selbst Judenhass in seinen Schriften, sondern ließ antisemitische Inhalte auch in seine Opern einfließen. Damit ehrt die Straßen nicht nur einen bedeutenden Komponisten, sondern zugleich einen der einflussreichsten Vertreter des modernen Antisemitismus. Auch wenn man den Künstler Wagner von seinen Opern trennen würde, verbreiten die Opern unabhängig von ihm antijüdisches Gedankengut.

Literatur

Literatur

  • Brener, Milton E.: Richard Wagner and the Jews, Jefferson, N.C. 2006.
  • Gärtner, Karl-Heinz; Nitschke, Günter; Rautenberg, Ines; Speer, Christine; Thurn, Joachim; Uhlig, Judith; Wolterstädt, Kurt; Zech, Hermann (Hg.): Berliner Straßennamen. Ein Nachschlagewerk für die östlichen Bezirke, Berlin 1995.
  • Rose, Paul Lawrence: Richard Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999.

Internet

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