Rienzistraße
Karlshorst
Die Rienzistraße wurde 1910 nach der Titelgestalt der Oper „Rienzi, der letzte der Tribunen“ von Richard Wagner benannt (1813-1883), der seine antisemitische Weltanschauung auch in seine Opern einfließen ließ.
Dieser Beitrag wurde zuerst in „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum. Workshop und Bildungsmaterialien“ veröffentlicht, einem Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V.
Worum geht es in Rienzi, der letzte der Tribunen?
Die Oper in fünf Akten von Richard Wagner basiert auf dem historischen Roman von Edward Bulwer-Lytton. Die Uraufführung fand 1842 im Königlichen Hoftheater Dresden unter Wagners Leitung statt. Die Handlung folgt Cola di Rienzi, der im mittelalterlichen Rom als charismatischer Volksführer auftritt. Zum Volkstribun erhoben, verkündet er Freiheit und Gerechtigkeit und findet zunächst breite Unterstützung; nicht zuletzt durch seine Schwester Irene und den jungen Adligen Adriano. Doch seine Nachgiebigkeit gegenüber den Aristokraten wird ihm zum Verhängnis: Das Volk wendet sich von ihm ab, Kirche und Staat verfolgen ihn, und schließlich erleidet er im Kapitol ein tragisches Ende.
Warum wurde die Straße nach der Oper benannt?
Die Kolonie Karlshorst wurde 1895 gegründet und in den folgenden Jahren von mehreren Bau- und Bodengesellschaften ausgebaut, darunter die Heimstätten AG, die Bodengesellschaft GmbH, und die Bauvereinigung Eigenhaus, eine vom Hochadel getragene Baugemeinschaft. Die Rienzistraße erhielt ihren Namen 1910, als in Karlshorst viele neue Straßen angelegt wurden und benannt werden mussten. 1910 wurden insgesamt 22 Straßen neu benannt. Man vergab Namen oft nach thematischen Gruppen für eine bessere Orientierung und einen Wiedererkennungswert, so befinden sich in der Nähe der Rienzistraße ebenfalls die Tannhäuser- und Walkürenstraße, die auch nach Wagner-Opern benannt sind. In Lichtenberg gab es ebenfalls bereits ein Wagnerviertel.
Was ist die Problematik?
Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) veröffentlichte 1850, zunächst unter dem Decknamen „K. Freigedank“ seinen Aufsatz Das Judentum in der Musik, in der er antijüdische Vorurteile verbreitete. Darin stellte er sich selbst als Opfer der „Musikjuden“ dar. Außerdem unterstellte er jüdischen Personen, die erfolgreich im Kulturbereich arbeiteten, diesen Erfolg nur wegen ihres Geldes zu haben. Er beschrieb die Sprache und das Aussehen von jüdischen Personen als abstoßend und abscheulich.
Aber auch schon davor, im Kontext der Neuaufführung von Rienzi, der letzte der Tribunen 1847 in Berlin, verstärkten sich Wagners antisemitische Haltungen bereits. Seine Enttäuschung über das Scheitern der Oper in Berlin verband er mit dem Verdacht, Meyerbeer, eigentlich ein wichtiger Förderer Wagners, habe seinen Erfolg aus Angst hintertrieben, und schließlich deutete er seine Misserfolge insgesamt als Folge „jüdischen Profitstrebens“, wobei Meyerbeer für ihn zum Symbol der Kommerzialisierung und Erniedrigung der Kunst wurde.
Adolf Hitler (1889-1945) besuchte als Jugendlicher eine Aufführung von Rienzi, der letzte der Tribunen in Linz, die er später als entscheidenden Wendepunkt seines Lebens bezeichnete: „In jener Stunde begann es.“ In der Figur des Volkstribunen Rienzi sah er ein Vorbild für seine eigene Rolle als Führer, der, ähnlich wie in der Oper, das deutsche Volk zu Größe und Ruhm zurückführen sollte. Auf Reichsparteitagen der NSDAP wurde die Rienzi-Ouvertüre als fester Bestandteil der politischen Inszenierung eingesetzt, da Hitler auf ihr Beibehalten bestand und jeden Ersatz ablehnte. So wurde Rienzi, der letzte der Tribunen nicht nur zu einem persönlichen Schlüsselwerk Hitlers, sondern auch zu einem Symbol der nationalsozialistischen Propaganda.
Fazit
Die Benennung der Rienzistraße ist problematisch, weil sie ein Werk von Richard Wagner ehrt. Wagner verbreitete nicht nur selbst Judenhass in seinen Schriften, sondern ließ antisemitische Inhalte auch in seine Opern einfließen. Damit ehrt die Straßen nicht nur einen bedeutenden Komponisten, sondern zugleich einen der einflussreichsten Vertreter des modernen Antisemitismus. Auch wenn man den Künstler Wagner von seinen Opern trennen würde, verbreiten die Opern unabhängig von ihm antijüdisches Gedankengut. Erschwerend hinzu kommt die Begeisterung der Nationalsozialisten, insbesondere Adolf Hitlers, für Wagners Musik, im Speziellen die Oper Rienzi, der letzte der Tribunen.
Literatur
Literatur
- Brener, Milton E.: Richard Wagner and the Jews, Jefferson, N.C. 2006.
- Gärtner, Karl-Heinz; Nitschke, Günter; Rautenberg, Ines; Speer, Christine; Thurn, Joachim; Uhlig, Judith; Wolterstädt, Kurt; Zech, Hermann (Hg.): Berliner Straßennamen. Ein Nachschlagewerk für die östlichen Bezirke, Berlin 1995.
- Günther, Michael: Das Judentum in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Eine kritische Diskussionsgeschichte, Hamburg 2012.
- Rose, Paul Lawrence: Richard Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999.
- Vaget, Hans Rudolf: Wieviel »Hitler« ist in Wagner? Anmerkungen zu Hitler, Wagner und Thomas Mann. In: Borchmeyer, Dieter; Maayani, Ami & Vill, Susanne (Hg.): Richard Wagner und die Juden, Stuttgart 2000.
- Weiner, Marc A.: Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000.
Internet
- Bayern Online (Hg.): Rienzi der letzte der Tribunen, URL: https://bayern-online.de/bayreuth/erleben/kultur/richard-wagner-festspiele/wagnerportal/wissen/opern/rienzi-der-letzte-der-tribunen/handlung/, 06.09.2025.



