Rheingoldstraße
Karlshorst
Die Rheingoldstraße wurde 1910 nach der gleichnamigen Oper von Richard Wagner benannt (1813-1883), der seine antisemitische Weltanschauung auch in seine Opern einfließen ließ.
Dieser Beitrag wurde zuerst in „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfte Erinnerungen im öffentlichen Raum. Workshop und Bildungsmaterialien“ veröffentlicht, einem Projekt des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume), Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Straßenlärm Berlin e.V.
Worum geht es in Rheingold?
Rheingold ist Teil der sogenannten „Tetralogie“ Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner, bestehend aus Das Rheingold (Vorabend), Die Walküre (Erster Tag), Siegfried (Zweiter Tag) und Götterdämmerung (Dritter Tag). Rheingold wurde 1869 in München uraufgeführt. Der gesamte Zyklus kam 1876 bei den ersten Bayreuther Festspielen vollständig zur Aufführung. In Rheingold, dem Vorabend zum Ring des Nibelungen, werden die zentralen Themen der Oper eingeführt. Die Rheintöchter hüten das Gold des Flusses, das unendliche Macht verleiht, wenn man der Liebe entsagt. Der Nibelung Alberich raubt das Gold, schmiedet daraus einen Ring und zwingt sein Volk in Knechtschaft. Währenddessen haben die Riesen Fasolt und Fafner für die Götter Walhall gebaut und fordern als Lohn die Göttin Freia, die den Göttern ewige Jugend verleiht. Um Freia zu retten, raubt Wotan Alberich den Schatz, samt Ring und Tarnhelm. Doch Alberich verflucht den Ring, und der Fluch erfüllt sich sofort, als Fafner seinen Bruder tötet. Zwar ziehen die Götter in Walhall ein, doch der Fluch und die Prophezeiung Erdas vom Untergang der Götter werfen ihren Schatten über die Zukunft.
Warum wurde die Straße nach der Oper benannt?
Die Kolonie Karlshorst wurde 1895 gegründet und in den folgenden Jahren von mehreren Bau- und Bodengesellschaften ausgebaut, darunter die Heimstätten AG, die Bodengesellschaft GmbH, und die Bauvereinigung Eigenhaus, einer vom Hochadel getragene Baugemeinschaft. Die Rheingoldstraße erhielt ihren Namen 1910, als in Karlshorst viele neue Straßen angelegt wurden und benannt werden mussten. Man vergab Namen oft nach thematischen Gruppen für eine bessere Orientierung und einen Wiedererkennungswert. Im sogenannten Rheinischen Viertel nehmen die Straßennamen auf Orte, Sagen und literarische Bearbeitungen rund um den Rhein Bezug, so wie etwa die Loreley-, Drachenfels- oder Rolandseckstraße, ebenfalls alle 1910 benannt. Die Rheingoldstraße verweist mit ihrem Namen nicht nur auf den Rhein, sondern auch auf die durch Richard Wagners Oper Das Rheingold (Teil der Tetralogie Der Ring des Nibelungen) bekannt gewordene Sage vom Nibelungenschatz im Rhein.
Was ist die Problematik?
Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) veröffentlichte 1850, zunächst unter dem Decknamen „K. Freigedank“ seinen Aufsatz Das Judentum in der Musik, in der er antijüdische Vorurteile verbreitete. Darin stellte er sich selbst als Opfer der „Musikjuden“ dar. Außerdem unterstellte er jüdischen Personen, die erfolgreich im Kulturbereich arbeiteten, diesen Erfolg nur wegen ihres Geldes zu haben. Er beschrieb die Sprache und das Aussehen von jüdischen Personen als abstoßend und abscheulich. Zeitgleich schrieb er schon am Ring der Nibelungen.
Einige Figuren verkörpern antijüdische Klischees. Vorallem die Zwerge Alberich und Mime wurden schon kurz nach Erscheinen der Oper wiederholt von Kritikern als jüdisch gedeutet. Zwar gibt es keine Aussage von Wagner, die das eindeutig belegt, jedoch weisen Merkmale wie eine kreischende Stimme, zurückgebildete Sprache, der Hinkefuß Alberichs und die Habsucht der Figuren Bezüge zu Wagners Schrift über das Judentum auf. Würde man in der Schrift über das Judentum das Wort „Juden“ durch „Zwerge“ ersetzen, so bekäme man eine ähnliche Schilderung wie im „Ring“, schreibt Michael Günther. Paul Lawrence Rose urteilt wie folgt:
„Der antisemitische Subtext war dem zeitgenössischen Publikum geläufig, und es bestand keine Notwendigkeit, ihn eigens herauszustellen. Wagner hatte triftige Gründe, keine Charaktere mit jüdischen Namen auf die Bühne zu bringen. Es gehörte zu seiner Strategie als Künstler und Rassist, die Opern als traumhafte Erfahrungen für sein Publikum zu konzipieren: Konkrete Probleme – wie zum Beispiel die Judenfrage – sollten ihnen nicht in realistischer Art und Weise aufgedrängt werden. Statt dessen waren diesen Werken revolutionäre und antijüdische Themen auf einer unterschwelligen Ebene eingeschrieben, die von den Zuschauern verstanden werden würden.“
Fazit
Die Benennung der Rheingoldstraße ist problematisch, weil sie ein Werk von Richard Wagner ehrt. Wagner verbreitete nicht nur selbst Judenhass in seinen Schriften, sondern ließ antisemitische Klischees auch in seine Opern einfließen, wie die Figuren Alberich und Mime zeigen. Damit ehrt die Straßenbenennung nicht nur einen bedeutenden Komponisten, sondern zugleich einen der einflussreichsten Vertreter des modernen Antisemitismus. Auch wenn man den Künstler Wagner von seinen Opern trennen würde, verbreiten die Opern unabhängig von ihm antijüdische Stereotype.
Literatur
Literatur
- Gärtner, Karl-Heinz; Nitschke, Günter; Rautenberg, Ines; Speer, Christine; Thurn, Joachim; Uhlig, Judith; Wolterstädt, Kurt; Zech, Hermann (Hg.): Berliner Straßennamen. Ein Nachschlagewerk für die östlichen Bezirke, Berlin 1995.
- Günther, Michael: Das Judentum in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Eine kritische Diskussionsgeschichte, Hamburg 2012.
- Rose, Paul Lawrence: Richard Wagner und der Antisemitismus, Zürich 1999.
- Weiner, Marc A.: Antisemitische Fantasien. Die Musikdramen Richard Wagners, Berlin 2000.
Internet
- Bayern Online (Hg.): Opern, URL: https://bayern-online.de/bayreuth/erleben/kultur/richard-wagner-festspiele/wagnerportal/wissen/opern/, 06.09.2025.
- Richard-Wagner-Verband International e.V. (Hg.): Der Ring des Nibelungen, URL: https://www.richard-wagner.org/rwvi/de/richard-wagner/werke/?collection_id=915, 06.09.2025.
- Richard-Wagner-Verband International e.V. (Hg.): Die Walküre, URL: https://www.richard-wagner.org/rwvi/de/richard-wagner/werke/?collection_id=118, 06.09.2025.



